Wenn draußen der Handyempfang abreißt, der Weg länger wird als geplant und aus einem kleinen Missgeschick plötzlich ein ernstes Problem entsteht, trennt sich Wissen von Theorie. Genau an diesem Punkt setzt Bushcraft Erste Hilfe – Notfallversorgung in der Wildnis schnell und einfach von Dave Canterbury und Jason A. Hunt an – ein Buch, das nicht beschwichtigt, sondern vorbereitet. Erschienen im Anaconda Verlag, richtet sich dieses Werk an Menschen, die draußen unterwegs sind und Verantwortung übernehmen wollen – für sich selbst und für andere.
Schon die Einleitung macht klar, dass Erste Hilfe in der Wildnis ein anderes Spielfeld ist als der gewohnte Erste-Hilfe-Kurs im urbanen Umfeld. Hier gibt es keine Sirenen im Hintergrund, keinen Rettungswagen „in zehn Minuten“. Stattdessen geht es um Planung, Selbsthilfe, Teamarbeit und das Bewusstsein für die eigenen Grenzen. Die frühen Kapitel führen den Leser behutsam, aber bestimmt an diese Realität heran: Stressmanagement, Infektionsprophylaxe und Prävention werden nicht als Nebensache behandelt, sondern als entscheidende Faktoren, um Notfälle überhaupt zu vermeiden .
Mit zunehmender Seitenzahl verdichtet sich das Buch zu einem echten Nachschlagewerk für Ernstfälle. Vom richtigen Vorgehen am Unfallort über strukturierte Untersuchungsschemata bis hin zu Transporttechniken und Notsignalen spannt sich ein roter Faden, der immer wieder betont: Erst denken, dann handeln. Besonders eindrucksvoll ist dabei die Bandbreite der behandelten Themen. Blutungen, Wunden, Verbrennungen, Knochen- und Gelenkverletzungen, Schockzustände, Atemwegsprobleme, neurologische Ausfälle – das Spektrum ist so umfassend, dass man unweigerlich erkennt, wie schnell Outdoor-Abenteuer in medizinische Grenzsituationen kippen können.
Dabei verschweigen Canterbury und Hunt nicht, dass sie an manchen Stellen bewusst über den Rahmen der klassischen Ersten Hilfe hinausgehen. Einige Maßnahmen entsprechen nicht oder nicht mehr der aktuellen Lehrmeinung des deutschen Rettungsdienstes – und genau hier zeigt sich die Stärke wie auch die Verantwortung dieses Buches. Die Autoren machen deutlich, dass es sich um Überlebenssituationen handelt, in denen Abwägen wichtiger ist als Dogmen. Diese Techniken gehören nicht in urbane Umgebungen mit schneller professioneller Hilfe. Doch fernab der Zivilisation, wenn es ums nackte Überleben geht, können genau diese Kenntnisse den Unterschied machen.
Besonders gelungen ist der praxisnahe Ton: Immer wieder fließen „Tipps und Tricks“ ein, die aus Erfahrung geboren sind und nicht aus dem Lehrbuch. Umweltbedingte Gefahren wie Unterkühlung, Hitze, Höhenkrankheit oder Blitzschlag werden ebenso behandelt wie Insektenstiche, Schlangenbisse, giftige Pflanzen oder der Einsatz von Heilpflanzen im Outdoor-Alltag. Selbst chronische Erkrankungen wie Diabetes oder Allergien finden ihren Platz – ein starkes Signal dafür, dass Bushcraft und Outdoor nicht nur etwas für kerngesunde Abenteurer sind.
Am Ende bleibt der Eindruck eines ehrlichen, fordernden Buches. „Bushcraft Erste Hilfe“ ist kein Wohlfühlratgeber, sondern ein realistischer Begleiter für alle, die draußen unterwegs sind und sich nicht auf Glück verlassen wollen. Es vermittelt Wissen, schärft den Blick für Risiken und mahnt zur Verantwortung. Wer es liest, wird die Wildnis nicht mit Angst betreten – aber mit Respekt. Und genau das ist vielleicht die wichtigste Form von Erster Hilfe überhaupt.
Lies auch unsere Rezessionen zu den Büchern "Bushcraft 101 – Überleben in der Wildnis", "Advanced Bushcraft Dave Canterbury Rezension" und "Bushcraft – Jagen, Sammeln, Kochen in der Wildnis"
